Fr

18

Jul

2014

Allerheiligen-Friedhofskirche mit Beinhaus oder auch das Sedletz-Ossarium in Kutná Hora (Kuttenberg) in Tschechien

Ich habe während meiner beträchtlichen Reisen in alle Herren Länder schon viele Gotteshäuser besucht und in ihnen mehr oder minder andächtig verweilt. Den einen sieht man den finanziellen Habitus schon von weiten an, andere hingegen sind schlicht und einfach gehalten. Katholische Kirchen sind meist prunkvoller ausgestattet als die Evangelischen Kirchen.

Ich/wir waren in Lourdes (Frankreich), dem wohl weltweit meist besuchtesten Wallfahrts- ort der römisch-katholischen Kirche besucht. Waren in der Catedral-de la Inmaculada Con- cepción in Cuenca (Ecuador), in der riesi- gen Hagia Sophia in Istanbul, in der St. Pauls Anglican Church in Dawson City, die St. Marys Catholic Church oder in der russisch-orthodoxen Holy Resurrection Cathedral 

in/auf Kodiak (Alaska) und vielen anderen Kirchen mehr.

Doch das, was wir in Kutná Hora besichtigen konnten, war echt der Kracher! 

Warum diese Präambel, ganz einfach, weil ich in Kutná Hora (Kuttenberg) die wohl abgefahrenste, skurrilste und einzigste Kirche in der Welt besichtigen konnte. Ihr dekoratives Interieur besteht fast ausschließlich aus menschliche Knochen (das gesamte Spektrum des menschlichen Skeletts) das ist die Besonderheit.

Zur Historie der "Aller Heiligen Friedhofs- kirche" mit Beinhaus:

 

Das Beinhaus in Kutná Hora-Sedleč ist ein ursprüng- lich gotisches, interessantes Bauwerk aus dem Ende des 13. Jahrhunderts.

Es besteht aus zwei, aufeinander gesetzten Kapel- len. Zwischen 1703 und 1710 wurde Kapelle/Kirche von Johann Blasius Santini-Aichl im Barokstil, ihre heute Gestalt umgebaut und auch die künftige Innenausstattung inklusive Gebein- und Knochendekoration entworfen.

Die ursprüngliche Begräbnisstätte wurde von Mön- chen aus Sedletz errichtet um hier, dem heutigen Friedhof, Bestattungen durch zuführen. Sie war zu damaliger Zeit die einzige in der Region und hatte ein Ausmaß von etwa 30.500 m²!

Die Gründung des Friedhofes hängt mit der traditionsgemäßen Reise des Sedletzer Abts Jindrich (Heinrich) im Jahre 1278 zusammen, der mit einer Botschaft von Přemysl Ottokar II nach Jerusalem geschickt wurde. Von dort brachte Abt Heinrich eine Handvoll Erde vom Kalvarienberg (Calvarienberg, Golgatha, Calvaria oder Schädelstätte ist der Ort, wo Jesus gekreuzigt wur- de) mit und verstreute sie hier auf dem Friedhof.

Seitdem erwarb der Friedhof den Ruf der "Heiligen Erde"! Von dieser Zeit an ließen sich viele Menschen aus der Umgebung und sogar aus dem Ausland be- graben, besonders aus Polen, Bayern und Belgien.

 

Fast alle Knochen, die hier aufbewahrt sind, stammen aus dem Mittelalter. Diese, allsamt systematisch sortiert, wurden vor etwa 350 Jahren von einem fast blinden Zisterzienser-Mönch und stammten von aufgelösten Gräbern des Klosterfriedhofs Sedleč in Kutná Hora im 16. Jahrhundert. Die Knochen rüh- ren aus Zeiten der Pestepidemien um 1318 und den Hussitenkriegen um 1421 und stammen etwa von 40.000 Menschen. In der Umgebung der Stadt, die gut befestigt worden war, kam es zu vielen Metzelein und Schlachten. Die sterblichen Überreste wurden auch auf dem Klosterfriedhofs Sedleč begraben.

Damals war Kuttenberg neben Prag, hier befand sich die Residenz der böh- mischen Könige mit einer Münzstätte. 

Wappen des Adelsgeschlechtes der Fürsten v. Schwarzenberger und Orlik
Wappen des Adelsgeschlechtes der Fürsten v. Schwarzenberger und Orlik

 

Im Jahre 1866 kaufte das fränkisch-böhmi- sche Adelsgeschlecht Schwarzenberg von Orlík das Kloster Sedleč nebst Klosterver- mögen samt Kapelle.

Vier Jahre nach dem Kauf des Klosters Sedleč beauftragte die Fürstenfamilie 1870 den angesehenen Holzschnitzer und Schrei- ner František Rint aus Česká Skalice die ein- stigen Pläne von Santini-Aichl zu realisieren. Er schuf mit seiner Familie ein einzigartiges Kunstwerk aus Schädeln und Gebeinen: die sogenannte "Knochenkirche" von Kutná Hora, die im wahrsten Sinne des Wortes ein (Ge)Beinhaus ist.

Anfangs baute er zwei der sechs Pyramiden ab, die der Mönch einst vor über drei Jahr- hunderten aufgetürmt hatte. Von diesen ca. 10.000 Knochen nutzte er den überwiegen- den Teil für die Innenraumgestaltung. Die restlichen vier Pyramiden verblieben zu einer Glockenform aufgeschichtet in den Ecken des Gewölbes stehen. Außerdem behandelte er alle Schädel und Gebeine aufwendig mit Chlorkalk und machte sie dadurch bis heute haltbar.

 

 

In der Mitte der Kapellendecke hängt ein Kronleuchter, der fast alle Knochen- arten aufweist, die ein menschliches Skelett besitzt. In den Nischen, links und rechts des neben dem Hauptaltar stehen zwei Monstranzen. An der linken Seite kann man das Familienwappen des Adelsgeschlechts von Schwarzenberg sehen. Überall wohin man schaut entdeckt das Auge Girlanden, Kandelaber, Wandschmuck und Schädel, ein regelrechtes Schädelinferno und die aus Kno- chen drapierte "Inschrift" des genialen Schöpfers František Rint.

An manchen Schädeln, besonders an den Nebenaltaren, sind Gefechtsspuren zu erkennen, die während der Hussitenkriege entstanden (Dreschflegel- und Fausthammereinschläge) sein könnten.

 

Wenn man etwas genauer das "gruselige Ambiente" in Augenschein nimmt, also das Fotogrfieren (der Auslöser hat hier Hochkonjuktur) mal bleiben lässt und die schummrige, mit Spinnweben durchsetzte Atmosphäre auf sich wirken lässt, die Besucher versucht zu ignorieren, dann glaubt man aus vielen Augenhöhlen der überall um sich herum drapierten Schädel angestarrt zu werden. Irgend wie liegt dann der Gedanke nahe, auch für dich ist die Endlichkeit programmiert, fest programmiert! Ein Schelm wer anders denkt!

 

Die Einrichtung mit Hilfe der menschlichen ca. 212 Knochen dar zustellen soll uns zur gegenseitigen Harmonie unter lebenden Menschen und auch dazu führen, dass wir das Leben mehr schätzen und uns unserer Verantwortlichkeit bewusst sind.

 

Wenn die irdische Hülle der Menschen so armselig ist, ist es notwendig, mehr Seelenanstrengung zu entwickeln, so dass ein ehrenvolles Andenken für folgende Generationen bleibt.

(František Palacký 1798 - 1876)

So

28

Jul

2013

Mit allen Sinnen reisen

Meinen Blog "Mit allen Sinnen reisen" beziehe ich auf keine Spezies und auf kein Territorium, denn einzelne Erlebnisse, die meine Sinnesorgane wahr nahmen, hervor zu heben, wäre eine Diskriminierung aller derer, die nicht genannt wurden. Ich habe all diese Reisen auf meiner organischen Festplatte gespeichert, auch wenn z.T. nur spärliche Fotodokumente vorliegen. Zum Teil sind gar keine Bilddokumente mehr vorhanden, was dem Zahn der Zeit im allgemeinen und der verrückten Zeit der Wiedervereinigung im besonderen geschuldet ist.

 

Bekanntlich hat der Mensch ja fünf Sinne! Diese sind, hier nur noch einmal in Erinnerung gerufen:

 

  • …das Sehen, die visuelle Wahrnehmung mit den Augen
  • …das Hören, die auditive Wahrnehmung mit den Ohren
  • …das Riechen, die olfaktorische Wahrnehmung mit der Nase
  • …das Schmecken, die gustatorische Wahrnehmung mit der Zunge
  • …das Tasten, die taktile Wahrnehmung mit der Haut
Gemälde von Hans Makart um 1879-Die fünf Sinne-tasten, hören, sehen, riechen u. schmecken
Gemälde von Hans Makart um 1879-Die fünf Sinne-tasten, hören, sehen, riechen u. schmecken

 

In meinem Sinnesorganorchester hat der Solist der Ohren seine Qualifikation noch nicht wieder erreicht, da er für seine altersgerechte Nachprüfung stets eine Entschuldigung fand. Mit anderen Worten, mein Sinnesorchester spielt nur noch mit vier Solisten und einer altersbedingten Aushilfskraft. Der Fernsinn des Hörens hatte mit einem Hörsturz 1998 seine Leistungsfähigkeit eingebüßt.

 

Von Kindesbeinen an war ich Wanderer (nach dem Krieg ging ohnehin das Meiste nur per pedes ab zu wickeln) und seit 1960 dann Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz. Uns blieb im Arbeiter- und Bauernstaat nur das eingeschränkte Reisen in östlicher und südöstlicher Himmelsrichtung übrig. Bevorzugte, da relativ problemlos bereisbar, Reiseländer waren Polen, CSSR, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Eine organisierte Reise in die Sowjetunion, die Mongolei oder gar Jugoslawien und Albanien bedurfte schon einiger weitreichender Beziehungen zum DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) etc.!

Doch schon damals reisten wir jungen Wander- und Bergsteigerburschen mit allen fünf Sinnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ohne diese, oder nur mit einigen Sinnen richtig und erlebnisreich funktionieren soll. Das begann schon mit der Reiseplanung, die heute ebenso unablässig ist, wie sie es vor über 50 Jahren (1962 Rumänien) bei mir war!

Der erste Sinn, der bei einer (geplanten) Reise zum Einsatz kommt, ist meines Erachtens das Sehen, also das Auge. Damals gab es primitive Kopien in s/w, Rundschreiben von Sportvereinen oder nur mündliche Hinweise. Heute wird der Mensch mit einer Flut von Flyern, Prospekten und Internet- Portalen konfrontiert und der geneigte Traveler liest und sieht sich sein mögliches Reiseziel an.

1996 machte mich mein späterer Reisefreund mit der Ansichtskarte li. auf Australien aufmerk- sam, Monate später waren wir dort!
1996 machte mich mein späterer Reisefreund mit der Ansichtskarte li. auf Australien aufmerk- sam, Monate später waren wir dort!

 

Unmittelbar danach setzt sich der zweite Sinn in Szene. Man Informiert sich meist per Telefon über die Reiseobliegenheiten und hört mit dem Ohr aufmerksam seinem "Gegenüber" am anderen Ende der Leitung zu. Das ist begründet, denn hier erfährt man oft das, was man nicht zu lesen bekommt. Gleiches Procedere spielt sich übrigens im Reisebüro oder anderswo ab, wo Reisen, wo Flüge, wo Mietautos, wo Unterkünfte und anderes mehr für eine Urlaubs- oder Erlebnisreise angeboten werden. Diese beiden Fernsinne sind fortan im Einsatz. Nicht von ungefähr meinten unsere Eltern einst, haltet Augen und Ohren offen!

Die drei Nahsinne hingegen haben noch Sendepause, außer man riecht den Angstschweiß beim Betrachten der Gesamtsumme des Angebotes, was ja wohl auch vorkommen soll!

Der dritte Sinn, der Tastsinn kommt wohl erstmals so richtig beim Koffer packen, bzw. beim Zusammenstellen seiner Reiseutensilien zum Einsatz. Wo verstaue ich was in meinem eingeschränkten Reisegepäck. Da fühlt und wühlt man schon in den untersten Regionen des Koffers, des Rucksacks oder der Reisetasche, wo finde ich noch ein Eckchen, wo dies oder jenes verstaut werden kann. Hier spielen Auge und Tastsinn im harmonischen Duett!

 

Hat das vorher Beschriebene stattgefunden, beginnt eigentlich der Count- down zum Ereignis Urlaub. Erstmals zu diesem Zeitpunkt bekommen der vierte und fünfte Sinn, die Nase und die Zunge etwas zu tun. Man sitzt im Airport, im Zug, im Bus oder anderswo und der Hunger meldet sich! Also ist die reisebedingte Nahrungsaufnahme, die sich ja von der heimischen Art oft gänzlich unterscheidet, angesagt. Das Essen aus der Faust, der Tüte, dem Pappgeschirr mit plastischen Essutensilien, die überhaupt nicht ins heimische Ambiente passen, artet allzu oft in Stress für Zunge, Nase und natürlich auch dem Auge aus. Ehrlich, was da alles so verdrückt wird geht kaum auf die oft strapazierte Kuhhaut. Auch mir geht das so, zu Hause käme das Zeug nie auf den Tisch, doch auf der Reise, entweder vor Hunger oder als Zeitüberbrücker, da macht man schon diese "eine" Ausnahme!

Im Flieger, im Reisezug oder im Kfz setzt sich das gewöhnungsbedürfte Essen auf der Reise bis zum Reiseziel fort. Vom Gerangel am Check in, den Kampf um Sitzplätze und das Aufgeben des Gepäcks, wo mindest die Seh-, Hör- und Tastsinne gefragt sind, schreibe ich garnicht erst etwas, ist ein Kapitel für sich!

Ich, für meinen Teil, bin wenig bis überhaupt nicht für diese "Esskultur" zu begeistern, obwohl ich da in letzter Zeit einige Airlines erlebte, die Augen, Nase und Zunge vor den drohenden Blackout bewahrten. Sei es drum, diese Hürden muss ein jeder überspringen, der sich dem Reisevergnügen stellt. Wohl wissend, dass er für all das in dem Urlaubsland, so zumindest sollte es der gängige Fall sein, entschädigt wird.

 

Kein Mensch geht heut zu Tage noch auf Reisen, ohne sich vorher über "Land und Leute", egal welchen Mittels er sich bedient, schlau gemacht zu haben. Prinzipiell weiß man, was einen erwartet, wenn eine organisierte Reise gebucht wird. Der Kick bei einer individuell gestalteten Reise liegt stets an den örtlich vorgefundenen Gegebenheiten, den spontanen Begegnungen mit fremden Menschen, an klimatischen Umständen und der großen Unbekannten, was erwartet mich hinter der nächsten Kurve, im nächsten Ort oder in nächsten Restaurant. Stets sind alle fünf Sinne mit von der Partie, die ihre Empfindungen auf den körpereigenen Provider ablegen und dann auf der Harddisk "Gehirn" speichern!

 

Das wohl Angenehmste und Faszinierendste an den jeweils begangenen Reisen ist, das bei allen, einem im Alltag begegnenden Situationen, die von unseren fünf Sinnen wahr genommen wurden, Assoziationen zu Kontinenten, Ländern, Menschen, Tieren, Pflanzen, kulinarischen Genüssen und nicht zuletzt, zu erlebten Ereignissen entstehen. Die gedanklichen Verknüpfungen funktionieren dann wie Links im Net, man klickt diese an und der spezielle Filmteil läuft automatisch vor seinen Augen ab! 

This is simply beautiful!

Dieses Glück, die Freude am Erlebten, dieses angenehme "Widerkäuen" mit einem oder mehreren Menschen in trauter Runde zu teilen, womöglich noch mit einer Diashow untermalt, ist die Krönung eines jeden Urlaubs in Nah oder Fern. Es animiert immerfort zu neuen Reisewünschen. Sind wir zufrieden und dankbar, dass wir diese Lebensart frönen können, wo wir doch allzu oft erlebt haben, dass sehr viele Menschen null Chance haben, uns nach zu eifern!

 

Endlich, man hat es geschafft, ist gelandet auf dem Zielairport, eingefahren im Bahnhof in der Nähe des Urlaubsortes oder hält vor der Unterkunft mit dem Reisebus, vergessen sind die mehr oder minder großen Reisestrapazen und man legt den Kippschalter Schnurstraks auf URLAUB!

Eine Schiffsreise habe ich bewusst in meinen Aufzählungen nicht erwähnt, der kritische Leser mag es mir bitte nachsehen, ich mag diese nur Reiseform nicht. Es sei denn, sie ist eine Etappe im Ensemble einer individuellen Reise.

Ob nun Fern- oder Nahreisen im Focus eines jeden Reislustigen stehen, jede hat ihren speziellen Reiz. Entfernt man sich aus seinen vier Wänden, seiner vertrauten Umgebung für eine gewisse Zeitspanne, dann sind schon in dieser Zeit der Vorfreude alle Sinne in Lauerstellung! Es ist die Erwartungshaltung des Erlebens, Entdeckens und Erkundens.

Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen.
Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht. 
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

In diesem Sinne, der vom Fernweh geplagte

Andreas Büttig

 

PS.: Dies ist mein Beitrag zur BlogParade von Zypresse mit dem Thema "Mit allen Sinnen reisen"!

5 Kommentare

Fr

18

Jul

2014

Allerheiligen-Friedhofskirche mit Beinhaus oder auch das Sedletz-Ossarium in Kutná Hora (Kuttenberg) in Tschechien

Ich habe während meiner beträchtlichen Reisen in alle Herren Länder schon viele Gotteshäuser besucht und in ihnen mehr oder minder andächtig verweilt. Den einen sieht man den finanziellen Habitus schon von weiten an, andere hingegen sind schlicht und einfach gehalten. Katholische Kirchen sind meist prunkvoller ausgestattet als die Evangelischen Kirchen.

Ich/wir waren in Lourdes (Frankreich), dem wohl weltweit meist besuchtesten Wallfahrts- ort der römisch-katholischen Kirche besucht. Waren in der Catedral-de la Inmaculada Con- cepción in Cuenca (Ecuador), in der riesi- gen Hagia Sophia in Istanbul, in der St. Pauls Anglican Church in Dawson City, die St. Marys Catholic Church oder in der russisch-orthodoxen Holy Resurrection Cathedral 

in/auf Kodiak (Alaska) und vielen anderen Kirchen mehr.

Doch das, was wir in Kutná Hora besichtigen konnten, war echt der Kracher! 

Warum diese Präambel, ganz einfach, weil ich in Kutná Hora (Kuttenberg) die wohl abgefahrenste, skurrilste und einzigste Kirche in der Welt besichtigen konnte. Ihr dekoratives Interieur besteht fast ausschließlich aus menschliche Knochen (das gesamte Spektrum des menschlichen Skeletts) das ist die Besonderheit.

Zur Historie der "Aller Heiligen Friedhofs- kirche" mit Beinhaus:

 

Das Beinhaus in Kutná Hora-Sedleč ist ein ursprüng- lich gotisches, interessantes Bauwerk aus dem Ende des 13. Jahrhunderts.

Es besteht aus zwei, aufeinander gesetzten Kapel- len. Zwischen 1703 und 1710 wurde Kapelle/Kirche von Johann Blasius Santini-Aichl im Barokstil, ihre heute Gestalt umgebaut und auch die künftige Innenausstattung inklusive Gebein- und Knochendekoration entworfen.

Die ursprüngliche Begräbnisstätte wurde von Mön- chen aus Sedletz errichtet um hier, dem heutigen Friedhof, Bestattungen durch zuführen. Sie war zu damaliger Zeit die einzige in der Region und hatte ein Ausmaß von etwa 30.500 m²!

Die Gründung des Friedhofes hängt mit der traditionsgemäßen Reise des Sedletzer Abts Jindrich (Heinrich) im Jahre 1278 zusammen, der mit einer Botschaft von Přemysl Ottokar II nach Jerusalem geschickt wurde. Von dort brachte Abt Heinrich eine Handvoll Erde vom Kalvarienberg (Calvarienberg, Golgatha, Calvaria oder Schädelstätte ist der Ort, wo Jesus gekreuzigt wur- de) mit und verstreute sie hier auf dem Friedhof.

Seitdem erwarb der Friedhof den Ruf der "Heiligen Erde"! Von dieser Zeit an ließen sich viele Menschen aus der Umgebung und sogar aus dem Ausland be- graben, besonders aus Polen, Bayern und Belgien.

 

Fast alle Knochen, die hier aufbewahrt sind, stammen aus dem Mittelalter. Diese, allsamt systematisch sortiert, wurden vor etwa 350 Jahren von einem fast blinden Zisterzienser-Mönch und stammten von aufgelösten Gräbern des Klosterfriedhofs Sedleč in Kutná Hora im 16. Jahrhundert. Die Knochen rüh- ren aus Zeiten der Pestepidemien um 1318 und den Hussitenkriegen um 1421 und stammen etwa von 40.000 Menschen. In der Umgebung der Stadt, die gut befestigt worden war, kam es zu vielen Metzelein und Schlachten. Die sterblichen Überreste wurden auch auf dem Klosterfriedhofs Sedleč begraben.

Damals war Kuttenberg neben Prag, hier befand sich die Residenz der böh- mischen Könige mit einer Münzstätte. 

Wappen des Adelsgeschlechtes der Fürsten v. Schwarzenberger und Orlik
Wappen des Adelsgeschlechtes der Fürsten v. Schwarzenberger und Orlik

 

Im Jahre 1866 kaufte das fränkisch-böhmi- sche Adelsgeschlecht Schwarzenberg von Orlík das Kloster Sedleč nebst Klosterver- mögen samt Kapelle.

Vier Jahre nach dem Kauf des Klosters Sedleč beauftragte die Fürstenfamilie 1870 den angesehenen Holzschnitzer und Schrei- ner František Rint aus Česká Skalice die ein- stigen Pläne von Santini-Aichl zu realisieren. Er schuf mit seiner Familie ein einzigartiges Kunstwerk aus Schädeln und Gebeinen: die sogenannte "Knochenkirche" von Kutná Hora, die im wahrsten Sinne des Wortes ein (Ge)Beinhaus ist.

Anfangs baute er zwei der sechs Pyramiden ab, die der Mönch einst vor über drei Jahr- hunderten aufgetürmt hatte. Von diesen ca. 10.000 Knochen nutzte er den überwiegen- den Teil für die Innenraumgestaltung. Die restlichen vier Pyramiden verblieben zu einer Glockenform aufgeschichtet in den Ecken des Gewölbes stehen. Außerdem behandelte er alle Schädel und Gebeine aufwendig mit Chlorkalk und machte sie dadurch bis heute haltbar.

 

 

In der Mitte der Kapellendecke hängt ein Kronleuchter, der fast alle Knochen- arten aufweist, die ein menschliches Skelett besitzt. In den Nischen, links und rechts des neben dem Hauptaltar stehen zwei Monstranzen. An der linken Seite kann man das Familienwappen des Adelsgeschlechts von Schwarzenberg sehen. Überall wohin man schaut entdeckt das Auge Girlanden, Kandelaber, Wandschmuck und Schädel, ein regelrechtes Schädelinferno und die aus Kno- chen drapierte "Inschrift" des genialen Schöpfers František Rint.

An manchen Schädeln, besonders an den Nebenaltaren, sind Gefechtsspuren zu erkennen, die während der Hussitenkriege entstanden (Dreschflegel- und Fausthammereinschläge) sein könnten.

 

Wenn man etwas genauer das "gruselige Ambiente" in Augenschein nimmt, also das Fotogrfieren (der Auslöser hat hier Hochkonjuktur) mal bleiben lässt und die schummrige, mit Spinnweben durchsetzte Atmosphäre auf sich wirken lässt, die Besucher versucht zu ignorieren, dann glaubt man aus vielen Augenhöhlen der überall um sich herum drapierten Schädel angestarrt zu werden. Irgend wie liegt dann der Gedanke nahe, auch für dich ist die Endlichkeit programmiert, fest programmiert! Ein Schelm wer anders denkt!

 

Die Einrichtung mit Hilfe der menschlichen ca. 212 Knochen dar zustellen soll uns zur gegenseitigen Harmonie unter lebenden Menschen und auch dazu führen, dass wir das Leben mehr schätzen und uns unserer Verantwortlichkeit bewusst sind.

 

Wenn die irdische Hülle der Menschen so armselig ist, ist es notwendig, mehr Seelenanstrengung zu entwickeln, so dass ein ehrenvolles Andenken für folgende Generationen bleibt.

(František Palacký 1798 - 1876)

So

28

Jul

2013

Mit allen Sinnen reisen

Meinen Blog "Mit allen Sinnen reisen" beziehe ich auf keine Spezies und auf kein Territorium, denn einzelne Erlebnisse, die meine Sinnesorgane wahr nahmen, hervor zu heben, wäre eine Diskriminierung aller derer, die nicht genannt wurden. Ich habe all diese Reisen auf meiner organischen Festplatte gespeichert, auch wenn z.T. nur spärliche Fotodokumente vorliegen. Zum Teil sind gar keine Bilddokumente mehr vorhanden, was dem Zahn der Zeit im allgemeinen und der verrückten Zeit der Wiedervereinigung im besonderen geschuldet ist.

 

Bekanntlich hat der Mensch ja fünf Sinne! Diese sind, hier nur noch einmal in Erinnerung gerufen:

 

  • …das Sehen, die visuelle Wahrnehmung mit den Augen
  • …das Hören, die auditive Wahrnehmung mit den Ohren
  • …das Riechen, die olfaktorische Wahrnehmung mit der Nase
  • …das Schmecken, die gustatorische Wahrnehmung mit der Zunge
  • …das Tasten, die taktile Wahrnehmung mit der Haut
Gemälde von Hans Makart um 1879-Die fünf Sinne-tasten, hören, sehen, riechen u. schmecken
Gemälde von Hans Makart um 1879-Die fünf Sinne-tasten, hören, sehen, riechen u. schmecken

 

In meinem Sinnesorganorchester hat der Solist der Ohren seine Qualifikation noch nicht wieder erreicht, da er für seine altersgerechte Nachprüfung stets eine Entschuldigung fand. Mit anderen Worten, mein Sinnesorchester spielt nur noch mit vier Solisten und einer altersbedingten Aushilfskraft. Der Fernsinn des Hörens hatte mit einem Hörsturz 1998 seine Leistungsfähigkeit eingebüßt.

 

Von Kindesbeinen an war ich Wanderer (nach dem Krieg ging ohnehin das Meiste nur per pedes ab zu wickeln) und seit 1960 dann Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz. Uns blieb im Arbeiter- und Bauernstaat nur das eingeschränkte Reisen in östlicher und südöstlicher Himmelsrichtung übrig. Bevorzugte, da relativ problemlos bereisbar, Reiseländer waren Polen, CSSR, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Eine organisierte Reise in die Sowjetunion, die Mongolei oder gar Jugoslawien und Albanien bedurfte schon einiger weitreichender Beziehungen zum DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) etc.!

Doch schon damals reisten wir jungen Wander- und Bergsteigerburschen mit allen fünf Sinnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ohne diese, oder nur mit einigen Sinnen richtig und erlebnisreich funktionieren soll. Das begann schon mit der Reiseplanung, die heute ebenso unablässig ist, wie sie es vor über 50 Jahren (1962 Rumänien) bei mir war!

Der erste Sinn, der bei einer (geplanten) Reise zum Einsatz kommt, ist meines Erachtens das Sehen, also das Auge. Damals gab es primitive Kopien in s/w, Rundschreiben von Sportvereinen oder nur mündliche Hinweise. Heute wird der Mensch mit einer Flut von Flyern, Prospekten und Internet- Portalen konfrontiert und der geneigte Traveler liest und sieht sich sein mögliches Reiseziel an.

1996 machte mich mein späterer Reisefreund mit der Ansichtskarte li. auf Australien aufmerk- sam, Monate später waren wir dort!
1996 machte mich mein späterer Reisefreund mit der Ansichtskarte li. auf Australien aufmerk- sam, Monate später waren wir dort!

 

Unmittelbar danach setzt sich der zweite Sinn in Szene. Man Informiert sich meist per Telefon über die Reiseobliegenheiten und hört mit dem Ohr aufmerksam seinem "Gegenüber" am anderen Ende der Leitung zu. Das ist begründet, denn hier erfährt man oft das, was man nicht zu lesen bekommt. Gleiches Procedere spielt sich übrigens im Reisebüro oder anderswo ab, wo Reisen, wo Flüge, wo Mietautos, wo Unterkünfte und anderes mehr für eine Urlaubs- oder Erlebnisreise angeboten werden. Diese beiden Fernsinne sind fortan im Einsatz. Nicht von ungefähr meinten unsere Eltern einst, haltet Augen und Ohren offen!

Die drei Nahsinne hingegen haben noch Sendepause, außer man riecht den Angstschweiß beim Betrachten der Gesamtsumme des Angebotes, was ja wohl auch vorkommen soll!

Der dritte Sinn, der Tastsinn kommt wohl erstmals so richtig beim Koffer packen, bzw. beim Zusammenstellen seiner Reiseutensilien zum Einsatz. Wo verstaue ich was in meinem eingeschränkten Reisegepäck. Da fühlt und wühlt man schon in den untersten Regionen des Koffers, des Rucksacks oder der Reisetasche, wo finde ich noch ein Eckchen, wo dies oder jenes verstaut werden kann. Hier spielen Auge und Tastsinn im harmonischen Duett!

 

Hat das vorher Beschriebene stattgefunden, beginnt eigentlich der Count- down zum Ereignis Urlaub. Erstmals zu diesem Zeitpunkt bekommen der vierte und fünfte Sinn, die Nase und die Zunge etwas zu tun. Man sitzt im Airport, im Zug, im Bus oder anderswo und der Hunger meldet sich! Also ist die reisebedingte Nahrungsaufnahme, die sich ja von der heimischen Art oft gänzlich unterscheidet, angesagt. Das Essen aus der Faust, der Tüte, dem Pappgeschirr mit plastischen Essutensilien, die überhaupt nicht ins heimische Ambiente passen, artet allzu oft in Stress für Zunge, Nase und natürlich auch dem Auge aus. Ehrlich, was da alles so verdrückt wird geht kaum auf die oft strapazierte Kuhhaut. Auch mir geht das so, zu Hause käme das Zeug nie auf den Tisch, doch auf der Reise, entweder vor Hunger oder als Zeitüberbrücker, da macht man schon diese "eine" Ausnahme!

Im Flieger, im Reisezug oder im Kfz setzt sich das gewöhnungsbedürfte Essen auf der Reise bis zum Reiseziel fort. Vom Gerangel am Check in, den Kampf um Sitzplätze und das Aufgeben des Gepäcks, wo mindest die Seh-, Hör- und Tastsinne gefragt sind, schreibe ich garnicht erst etwas, ist ein Kapitel für sich!

Ich, für meinen Teil, bin wenig bis überhaupt nicht für diese "Esskultur" zu begeistern, obwohl ich da in letzter Zeit einige Airlines erlebte, die Augen, Nase und Zunge vor den drohenden Blackout bewahrten. Sei es drum, diese Hürden muss ein jeder überspringen, der sich dem Reisevergnügen stellt. Wohl wissend, dass er für all das in dem Urlaubsland, so zumindest sollte es der gängige Fall sein, entschädigt wird.

 

Kein Mensch geht heut zu Tage noch auf Reisen, ohne sich vorher über "Land und Leute", egal welchen Mittels er sich bedient, schlau gemacht zu haben. Prinzipiell weiß man, was einen erwartet, wenn eine organisierte Reise gebucht wird. Der Kick bei einer individuell gestalteten Reise liegt stets an den örtlich vorgefundenen Gegebenheiten, den spontanen Begegnungen mit fremden Menschen, an klimatischen Umständen und der großen Unbekannten, was erwartet mich hinter der nächsten Kurve, im nächsten Ort oder in nächsten Restaurant. Stets sind alle fünf Sinne mit von der Partie, die ihre Empfindungen auf den körpereigenen Provider ablegen und dann auf der Harddisk "Gehirn" speichern!

 

Das wohl Angenehmste und Faszinierendste an den jeweils begangenen Reisen ist, das bei allen, einem im Alltag begegnenden Situationen, die von unseren fünf Sinnen wahr genommen wurden, Assoziationen zu Kontinenten, Ländern, Menschen, Tieren, Pflanzen, kulinarischen Genüssen und nicht zuletzt, zu erlebten Ereignissen entstehen. Die gedanklichen Verknüpfungen funktionieren dann wie Links im Net, man klickt diese an und der spezielle Filmteil läuft automatisch vor seinen Augen ab! 

This is simply beautiful!

Dieses Glück, die Freude am Erlebten, dieses angenehme "Widerkäuen" mit einem oder mehreren Menschen in trauter Runde zu teilen, womöglich noch mit einer Diashow untermalt, ist die Krönung eines jeden Urlaubs in Nah oder Fern. Es animiert immerfort zu neuen Reisewünschen. Sind wir zufrieden und dankbar, dass wir diese Lebensart frönen können, wo wir doch allzu oft erlebt haben, dass sehr viele Menschen null Chance haben, uns nach zu eifern!

 

Endlich, man hat es geschafft, ist gelandet auf dem Zielairport, eingefahren im Bahnhof in der Nähe des Urlaubsortes oder hält vor der Unterkunft mit dem Reisebus, vergessen sind die mehr oder minder großen Reisestrapazen und man legt den Kippschalter Schnurstraks auf URLAUB!

Eine Schiffsreise habe ich bewusst in meinen Aufzählungen nicht erwähnt, der kritische Leser mag es mir bitte nachsehen, ich mag diese nur Reiseform nicht. Es sei denn, sie ist eine Etappe im Ensemble einer individuellen Reise.

Ob nun Fern- oder Nahreisen im Focus eines jeden Reislustigen stehen, jede hat ihren speziellen Reiz. Entfernt man sich aus seinen vier Wänden, seiner vertrauten Umgebung für eine gewisse Zeitspanne, dann sind schon in dieser Zeit der Vorfreude alle Sinne in Lauerstellung! Es ist die Erwartungshaltung des Erlebens, Entdeckens und Erkundens.

Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen.
Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht. 
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

In diesem Sinne, der vom Fernweh geplagte

Andreas Büttig

 

PS.: Dies ist mein Beitrag zur BlogParade von Zypresse mit dem Thema "Mit allen Sinnen reisen"!

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